Wie ihr groessere Projekte an Land zieht – ein paar Gedanken, lose sortiert.
Ihr habt eine starke Kundenliste (Charité, taz, FC St. Pauli, Statista, TÜV Rheinland), ein echtes Profil mit der GWÖ, ein Buch beim oekom Verlag und eine Konferenz auf die Beine gestellt. Was vielleicht noch etwas fehlt, ist, dass Leute ausserhalb eures direkten Netzwerks das auch stärker mitbekommen.
Die LinkedIn-Reichweite ist bescheiden, in der Fachpresse taucht ihr kaum auf, Awards habt ihr bisher keine eingereicht bzw. ich konnte keine finden. Dabei habt ihr so gute Geschichten, die sich von selbst tragen – die St.-Pauli-GWÖ-Bilanz, die taz-Migration, die paritätische GF.
Hier sind ein paar Ideen, wo ich ansetzen würde. Manche klassisch, manche etwas wilder. Nicht alles wird passen und alles ist auch sicher nicht komplett durchdacht.
FC St. Pauli war der erste Profifussballclub weltweit mit GWÖ-Bilanz. 527 Punkte. Ihr habt das begleitet. Das wurde medial berichtet, aber visuellverstehen taucht in der Berichterstattung kaum auf. Die spannendere Erzählung wäre ohnehin: »Wie übersetzt man die Werte eines Fussballvereins in Zahlen?«
Drei Richtungen, die ich mir vorstellen könnte:
Die Nische »Gemeinwohl + Digitalisierung« ist im deutschsprachigen Podcast-Markt ziemlich leer. Und ihr habt einen Vorteil, den die meisten Podcast-Neulinge nicht haben: die Gäste sitzen schon in eurem Adressbuch. St.-Pauli-Nachhaltigkeitsleute, taz-Redaktion, Charité-Projektleitung, GWÖ-Auditoren, Statamic-Core-Team.
30-Minuten-Gespräche, alle zwei Wochen. Weniger »Stell dich mal vor«, mehr »Wo kollidieren deine Werte mit der Realität deines Arbeitsalltags?« Jede Folge liefert nebenbei 5–8 Kurzclips für LinkedIn, Zitate für Carousels, Newsletter-Stoff.
Kostet: ein Mikro (~200 EUR), Hosting (~15 EUR/Monat), 3–4 Stunden pro Folge.
Imagefilme schaut sich niemand freiwillig an. Zwei Formate wären sinnvoller:
LinkedIn hat eine Newsletter-Funktion, die gerade gut gepusht wird. Jeder neue Abonnent bekommt eine Notification. Monatlich reicht. Ein längerer Beitrag plus ein paar Links auf eigene Sachen (Blogpost, Podcast-Folge, Video), eher kleines Magazin als Firmen-PR.
»Gemeinwohl von A bis Z« hat 26 Kapitel. Jedes davon taugt als LinkedIn-Post: ein Gedanke aus dem Kapitel, angereichert mit einem Beispiel aus einem eurer Projekte, als Carousel gestaltet. Das ist ein halbes Jahr Content, und das Material existiert schon.
Und als Türöffner für andere Podcasts: »Wir haben ein Buch über Gemeinwohl in der Digitalwirtschaft geschrieben« – das öffnet Türen. brand-eins-Podcast, t3n, OMR Education. Die müssen euch nicht kennen, das Buch ist der Anlass.
Ich kann mir vorstellen, dass das nicht so euer Ding ist, aber es funktioniert halt noch, gerade im B2B. Die Firmenseite hat kaum organische Reichweite (unter 5 %, LinkedIn-weit). Persönliche Profile bekommen 5–10x mehr. Die Sichtbarkeit muss also über Frauke, Lea, Malte und Soeren laufen.
Nicht alle müssen dasselbe posten. Jeder besetzt das Thema, das zu ihm oder ihr passt:
3–5 Posts pro Woche über die Profile verteilt. Plus täglich 15 Minuten in Beiträgen von Leuten kommentieren, die in den Branchen arbeiten, die ihr bedienen wollt. Substanziell kommentieren, kein »Toller Beitrag!«.
Bisher macht ihr wahrscheinlich null bezahlte Werbung. Das ist okay für eine Agentur, die organisch wächst. Aber wenn ihr gezielt grössere Projekte anstossen wollt, kann ein kleines Media-Budget viel bewirken.
YouTube erlaubt sehr präzises B2B-Targeting: nach Berufsbezeichnung, Branche, Interessen, sogar nach besuchten Websites (Custom Audiences). Für euch wäre das interessant als Pre-Roll vor Inhalten, die eure Zielgruppe schaut, also Tech-Konferenz-Talks, CMS-Vergleiche, Digitalisierungs-Content.
Format: 15–30 Sekunden, skip-bar. Malte oder Frauke vor der Kamera, die in 20 Sekunden eine Frage stellen: »Wissen Sie, ob Ihre Website ab 2025 BFSG-konform ist? Wir prüfen das für Sie, kostenlos.« Link zur Landingpage.
Budget: ab 500 EUR/Monat könnt ihr testen, ob das funktioniert. CPV (Cost per View) liegt bei B2B-YouTube typischerweise bei 0,03–0,10 EUR. Für 500 EUR bekommt ihr also 5.000–15.000 Views bei der richtigen Zielgruppe.
LinkedIn hat seit 2024 ein Format, bei dem persönliche Posts (von Frauke, Malte etc.) als Ads an eine definierte Zielgruppe ausgespielt werden. Das wirkt authentischer als klassische Anzeigen, weil es wie ein normaler Post aussieht. Targeting nach Unternehmensgrösse, Branche, Jobtitel, z. B. »CDOs und Heads of Digital bei Unternehmen ab 500 Mitarbeitern in Norddeutschland«.
Budget: 500–1.000 EUR/Monat reichen, um bei einer eng definierten Zielgruppe sichtbar zu werden. Die CTR liegt deutlich über normalen Sponsored Posts.
Banner auf t3n, Heise, Horizont, Website Boosting. Klingt erstmal nach 2005, aber Programmatic ermöglicht Targeting auf Firmenlevel. Ihr könnt eure Anzeigen nur Besuchern zeigen, die bei Unternehmen arbeiten, die bestimmte Kriterien erfüllen (Grösse, Branche, Region). Das geht über Plattformen wie LinkedIn Audience Network oder spezialisierte B2B-DSPs.
Am besten mit einem konkreten Angebot: »BFSG-Check für Ihre Website« oder »Relaunch-Beratung für Mittelständler«. Banner, die ein konkretes Problem ansprechen, funktionieren besser als reine Absender-Werbung.
Spotify Ad Studio erlaubt Audio-Spots ab 250 EUR Budget, targetbar nach Region, Alter, Interessen. Ein 30-Sekunden-Spot, der euren Podcast bewirbt oder auf euer BFSG-Angebot hinweist, läuft zwischen den Podcasts, die eure Zielgruppe hört. Kein Riesen-Hebel, aber ein günstiger Kanal, um den Podcast anzuschieben.
Alternativ: direkte Podcast-Sponsorings bei relevanten deutschen Tech-/Business-Podcasts (t3n, OMR Education, brand eins). Teurer (500–2.000 EUR pro Folge), aber sehr gezielt.
Werbung auf Streaming-Plattformen (Joyn, RTL+, Samsung TV Plus, Amazon Freevee) lässt sich regional und demografisch targeten. Für euch würde das nur Sinn ergeben, wenn ihr ein sehr konkretes Angebot bewerbt, z. B. ein Event, und die Region eingrenzt (Schleswig-Holstein, Hamburg). Die Produktionskosten für einen 15-Sekunden-Spot sind gering, wenn ihr es einfach haltet. Eher ein Experiment als ein Standardkanal.
Wer »Statamic Agentur«, »BFSG Audit« oder »nachhaltige Digitalagentur« googelt, sucht aktiv nach einem Dienstleister. Diese Keywords haben wenig Wettbewerb und niedrige Klickpreise (oft unter 3 EUR). Mit 300–500 EUR/Monat könnt ihr für eine Handvoll sehr gezielter Begriffe auf Position 1 stehen.
Wichtig: Die Anzeigen müssen auf dedizierte Landingpages führen, nicht auf die Startseite. Eine Seite »BFSG-Audit für Ihre Website« mit klarem Angebot und Kontaktformular, eine Seite »Statamic-Agentur mit Enterprise-Erfahrung« mit den passenden Cases. Das ist ein kleiner Aufwand, der sofort messbare Anfragen liefert.
Eure Case Studies auf der Website sind solide, folgen aber dem Standardmuster: Problem, Lösung, Ergebnis. Das schreiben mittlerweile wirklich alle so. Für grössere Projekte lohnt es sich, die stärksten Cases neu zu erzählen.
»Was passiert, wenn eine 45 Jahre alte Zeitung ihr digitales Rückgrat wechselt?« ist eine bessere Überschrift als »Wir haben für die taz eine Statamic-Migration durchgeführt«. Der Kunde erzählt, ihr seid der Ermöglicher im Hintergrund. Wird vom Kunden auch eher geteilt.
527 GWÖ-Punkte sagt erstmal niemandem was. »Auf dem Niveau von Vaude und der GLS Bank« erzeugt ein Bild. Gute Case Studies brauchen solche Vergleiche.
Gerade bei längeren Kundenbeziehungen (Charité, Stadt Flensburg): regelmässige Kurzupdates im Blog oder Newsletter zeigen, dass ihr langfristig arbeitet. Grössere Auftraggeber achten auf sowas.
Geschriebene Case Studies sind gut, aber sie enden auf eurer Website und das war's. Wenn ihr die gleichen Projekte als Video aufbereitet, könnt ihr sie über deutlich mehr Kanäle spielen.
Die Produktion muss nicht aufwendig sein. Smartphone, gutes Licht, Ansteck-Mikrofon. Wichtiger ist, dass es regelmässig passiert, z. B. bei jedem Projektabschluss ein Video einplanen.
Bisher PAGE-Magazin und DiWiSH. Das ist okay, aber die Leute, die grosse Projekte vergeben, lesen eher Horizont, t3n, brand eins oder Website Boosting. Da wärt ihr gut aufgehoben.
| Thema | Zielmedium | Warum |
|---|---|---|
| »GWÖ im Profifussball: ein Werkstattbericht« | brand eins, Capital | Exklusiver Einblick, Sport + Nachhaltigkeit + Beratung, ungewöhnliche Kombi |
| »Statamic vs. WordPress vs. TYPO3: Wann welches CMS?« | t3n | Herstellerneutral, mit echten Entscheidungen aus euren Projekten |
| »32-Stunden-Woche in der Agentur: was sich ändert« | W&V, Haufe | New Work mit Substanz statt Floskeln. Gibt es wenig |
| »BFSG in der Praxis: Was wir bei unseren Audits sehen« | t3n, Heise | Regulatorisch, aber mit konkreten Beispielen statt Jura-Deutsch |
| »Statamic im Enterprise-Einsatz: Erfahrungen nach 3 Jahren« | Website Boosting | Die Leserschaft dort ist genau eure Zielgruppe, Entscheider und Umsetzer, die Web-Projekte verantworten |
Wichtig: fertige Artikel anbieten, nicht pitchen. t3n und Horizont nehmen gern Gastbeiträge, wenn sie nicht werblich sind. 800–1.200 Wörter, konkret, mit Daten wo möglich. Ein Beitrag pro Quartal ist ein guter Rhythmus.
Dazu: Lokalpresse nicht vergessen. sh:z, Flensburger Tageblatt, Kieler Nachrichten. »Flensburger Agentur beriet FC St. Pauli bei Gemeinwohl-Bilanz«, das nehmen die. Und es steht danach im Archiv, also auch in Google.
Ein Abendessen oder Frühstück für 10–15 Leute. Kunden, potenzielle Kunden, Partner, interessante Köpfe. Ein Thema pro Abend, moderiert von einem von euch. Kein Pitch, einfach gutes Gespräch.
Themen: »Was bedeutet Nachhaltigkeit für ein digitales Produkt?«, »Wie verändert KI die Arbeit in euren Organisationen?«, »Barrierefreiheit: Pflicht oder Chance?«
Im Büro in Flensburg oder in Hamburg. 300–500 EUR für Essen und Getränke. Solche Formate bringen mehr als die meisten Online-Kampagnen, weil echte Beziehungen entstehen.
Ich kenne das noch von DEPT und von den grossen Agenturen, die gerade für Pohl Boskamp gepitched haben: die schicken ihre Leute gezielt auf Bühnen, wo die Entscheider sitzen. Dahin, wo eure Kunden sind:
Bei den Bewerbungen Geschichten einreichen, keine Firmenpräsentationen. »Wie bilanziert man Gemeinwohl in einem Fussballverein, ein Werkstattbericht« wird angenommen, »visuellverstehen stellt sich vor« landet im Papierkorb.
Ich glaube, ihr habt bisher keine eingereicht, korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Aber ihr hättet Projekte, die da hingehören. taz, Charité, St. Pauli, das sind keine 08/15-Websites. Awards sind kein Selbstzweck, aber sie funktionieren als Qualitätssignal, wenn jemand euch zum ersten Mal googelt.
| Award | Kosten | Passt weil |
|---|---|---|
| German Design Award | 500–3.500 EUR | Gute Reputation in DACH, Kategorie Web. taz oder Charité wären Kandidaten |
| Annual Multimedia | 400–800 EUR | Speziell Digital, niedrigere Hürde als Red Dot |
| TYPO3 Award | kostenlos | Ihr seid Gold Member. Kostet nichts, also warum nicht |
| Deutscher Nachhaltigkeitspreis | variiert | Fürs Unternehmensmodell insgesamt. GWÖ + paritätische GF + Pro Bono |
2–3 pro Jahr einreichen. Jeden Gewinn dreifach nutzen: Pressemitteilung an Lokalpresse, LinkedIn-Posts, Siegel auf die Website. Kunden als Mitgewinner feiern, die teilen das dann in ihrem Netzwerk.
Bisher kommuniziert ihr die GWÖ vor allem in der GWÖ-Welt. Das ist verständlich, aber für grössere Auftraggeber muss das Argument anders klingen.
Ab 2026 verpflichtet die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) grössere Unternehmen dazu, über Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu berichten. Dienstleister ohne Nachhaltigkeitsnachweis werden dann zum Compliance-Risiko. Eure GWÖ-Bilanz ist so ein Nachweis.
Die Botschaft könnte also statt »Wir sind gemeinwohl-bilanziert« eher lauten: »Wenn ihr uns beauftragt, verbessert ihr euren eigenen Nachhaltigkeitsbericht. Unsere geprüfte GWÖ-Bilanz dokumentiert genau die Kriterien, die ab 2026 in eurer Lieferketten-Berichterstattung zählen.«
Damit wird das vom Wohlfühl-Argument zum Einkaufskriterium. Eine Seite auf eurer Website, die GWÖ, die St.-Pauli-Referenz und die CSRD-Relevanz verbindet, würde wahrscheinlich auch für »nachhaltige Digitalagentur« ranken. Da gibt es wenig Wettbewerb.
Kein bestehendes Tool (axe-core, WAVE) deckt die BFSG-Anforderungen spezifisch für den deutschen Markt ab. Wenn ihr einen BFSG-Checker als Open-Source-CLI oder Browser-Extension baut und veröffentlicht, bringt das Sichtbarkeit in der Developer-Community. Dazu kostenlose PR (»Flensburger Agentur veröffentlicht kostenloses BFSG-Tool«). Und Unternehmen, die beim Check durchfallen, brauchen dann jemanden, der das fixt.
Aufwand: 5–10 Entwicklertage.
Drei kleine bis mittlere Unternehmen durchlaufen zum ersten Mal eine GWÖ-Bilanzierung. Ihr begleitet den Prozess mit der Kamera. 4–5 Kurzfolgen, je 3–5 Minuten, ehrlich und unpoliert.
Das Format hat PR-Potenzial: Wirtschaftspresse, Nachhaltigkeitsblogs, und je nach Qualität sogar NDR oder ARTE. Gleichzeitig entstehen Monate an Content für LinkedIn und YouTube. Und die drei teilnehmenden Unternehmen werden zu Fürsprechern, die die Geschichte für euch weitertragen.
Produzierbar mit Smartphone, Gimbal und Ansteck-Mikrofon. Muss gut klingen und ehrlich wirken, teuer muss es nicht sein.